Nicht nur bei Gesprächen mit der Bank ist eure Bilanz wichtig. Und gerade für Startups, die das Business erst aufbauen und oftmals mit Anfangsverlusten kämpfen, ist es wichtig, die Zahlen richtig lesen zu können. Doch viele Gründer tun sich hier schwer. Ein guter Grund, sich einmal mit der Bilanz etwas näher zu befassen…

Bilanzanalyse im Startup – was könnt ihr aus den Zahlen lesen?

Eure Bank will sie. Investoren wollen sie. Das Finanzamt auch. Und wenn die Investorenrunden vor der Tür stehen, dann geht es bei der Vorbereitung auch um ganz viele Fragen zur Steuerung von GuV und Bilanz. Dabei fristet die Bilanz oder der Jahresabschluss gerade in den ersten Jahren in ganz vielen Startups eher ein Schattendasein.

Die Buchhaltung wird in dieser Phase oft an den Steuerberater weitergeleitet und dieser macht dann halt auch den Jahresabschluss. Zu Beginn ok, aber ihr müsst trotzdem jederzeit wissen, wo euer Unternehmen steht. Wie erfolgreich sind wir? Und warum? Was können wir von unseren Wettbewerbern lernen? Diese Fragen und vieles mehr könnt ihr mit Hilfe der Bilanzanalyse eures Startups, aber auch der Bilanzen der Konkurrenz beantworten.

Der Jahresabschluss besteht-stark verkürzt betrachtet- in Deutschland aus der Gewinn- und Verlustrechnung und aus der Bilanz, größere Unternehmen benötigen auch noch einen Lagebericht. In der Praxis werden die gesamten Unterlagen oft nur als Bilanz bezeichnet. Doch was könnt ihr aus den Zahlen lesen?

Wie hoch war der Umsatz des Unternehmens im vergangenen Jahr und um wieviel hat er sich im Verhältnis zum Vorjahr verändert?

Gerade in den ersten Jahren müsst ihr euch erst einmal am Markt etablieren. Steigende Umsatzzahlen weisen darauf hin, dass ihr Kunden gewinnen könnt und eure Produkte grundsätzlich funktionieren. Dabei können große Unternehmen durch Automatisierung und Standardisierung wesentlich kosteneffizienter arbeiten als kleine Unternehmen. Also: Wachstum ist wichtig!

Wie hoch ist der prozentuale Anteil des operativen Ergebnisses EBIT (Earnings before interest and taxes, Gewinn vor Zinsen und Steuern) am Umsatz?

Wieviel Gewinn bleibt vom Umsatz nach Abzug der operativen Kosten übrig? Das ermittelt ihr mit dem EBIT. Übrigens werden die Ergebnisse vor Zinsen und Steuern ausgewertet, weil diese nicht operativ sind.

Seid ihr schon in der Gewinnzone? Wenn nicht, wie lange werdet ihr voraussichtlich noch benötigen, um diese zu erreichen? Ist es euch möglich, auf diesem Weg Kosten zu senken? Eure Strategien rund um den Ertrag sind in den ersten Jahren sehr unterschiedlich. So kauft sich der eine den Markt und hat starke Geldgeber im Rücken. Der andere muss aus den Gewinnen wachsen und ständig auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Umsatz, Ertrag und Kosten achten, um auch weiter investieren zu können.

Formularende

Wie hoch ist das operative Ergebnis EBIT im Verhältnis zum Vermögen des Unternehmens?

Grundsätzlich ist es das Ziel der Unternehmensführung, das Vermögen zu vergrößern. Je höher also das EBIT im Vergleich zum eingesetzten Vermögen des Unternehmens ausfällt, desto besser. Dies messt ihr mit der Kennzahl ROI (Return on investment) oder mit der Vermögensrendite. Ob das Unternehmen hier gut ist, hängt von den Renditeerwartungen der Kapitalgeber ab.

Was nun, wenn das EBIT noch negativ ist und euer Vermögen somit aufgezehrt wird? Diese Frage müsst ihr ganz sauber beantworten, denn damit gebt ihr eine Aussage, wie lange ihr noch Zeit habt, Geld „zu verbrennen“.

Mit welchen Vermögensgegenständen wurde der EBIT erwirtschaftet?

Gerade im Startup sollten zunächst keine Vermögenswerte eingesetzt werden, die nicht unbedingt zur Erzielung der Umsätze benötigt werden. Rechnerisch verringern sie den Erfolg bei der Messung des ROI. Aber viel wichtiger, in der Praxis blockieren sie oftmals die Anschaffung der für das weitere Wachstum betriebserforderlichen Vermögenswerte. Schaut euch deshalb bei der Analyse genau an, welche Ausstattung nice-to-have und welche zwingend erforderlich ist. Dabei können im Sinne der Belegschaft aber auch die Playstation oder die Tischtennisplatte betriebserforderlich sein.

Ebenfalls wichtig: schaut euch euer Working Capital Management an. Wieviel Geld ist im Lager gebunden? Wieviel schulden euch eure Kunden? Wann müsst ihr eure Lieferanten bezahlen? Je weniger Geld gebunden ist und ihr eure Banklinien in Anspruch nehmen müsst, desto besser.

Mit den Zahlen aus der Bilanz könnt ihr also sehr starken Einfluss auf die Steuerung eurer Vermögensstruktur nehmen und das lohnt sich.

Wie ist das Unternehmen finanziert? Wie hoch ist der prozentuale Anteil des Eigenkapitals am Gesamtkapital? Wie der des Fremdkapitals?

Wieviel Geld haben die Eigentümer in das Unternehmen gegeben? Der Anteil am Gesamtkapital ist dann die Eigenkapitalquote, sie gibt einen Hinweis auf die finanzielle Solidität eures Startups. Grundsätzlich lässt sich sagen: je höher die Eigenkapitalquote, desto besser. Die Realität sieht aber gerade in Startups anders aus. Achtet darauf, dass die Schulden eures Unternehmens nicht die Vermögenswerte übersteigen. Ansonsten besteht sehr schnell ein Insolvenzrisiko.

Neben der Überschuldungsgefahr besteht das Risiko, das ihr eure laufenden Rechnungen nicht fristgerecht zahlen könnt, da die erforderlichen Beträge evtl. noch nicht von euren Kunden bezahlt wurden oder noch in der Ware gebunden sind. Deshalb ist es wichtig, dass ihr jederzeit eure Bankkonten im Blick behaltet. Auch hier hilft euch ein gutes Working Capital Management.

Könnt ihr eure Investitionen aus dem laufenden Geschäft selbst finanzieren? (Übersteigt der operative Cashflow den Cashflow aus Investitionstätigkeit?)

Das ist der sogenannte Free Cashflow und er weist darauf hin, ob euer Startup schon „alleine läuft“ oder wie sehr es (noch) auf externe Geldgeber angewiesen ist. Externe Geldgeber sind dabei Eigenkapital- und Kreditgeber, die man zum Aufbau eines Geschäfts braucht.

 

Bei Fragen…

Versucht es doch einfach einmal selbst und analysiert einmal eure Zahlen und auch die eurer wichtigsten Konkurrenten. Und falls ihr Fragen habt, wir sind wie immer da. Sprecht uns gerne an….

Heinz Faessen. Bei growr schreibt er regelmäßig zu Fragen rund um die Existenzgründung und zur Betriebswirtschaft

Heinz Faessen ist Inhaber der pro3 innovation consult und begleitet seit mehr als 25 Jahren Unternehmer und Existenzgründer. Vor seiner eigenen Selbständigkeit war Heinz als kaufmännischer Leiter einer Systemhausverbund Gruppe, als Leiter der Betriebswirtschaftlichen Mitgliederberatung einer CE-Verbundgruppe und als Firmenkundenberater in der Sparkassenorganisation tätig. Bei growr schreibt er regelmäßig zu Fragen rund um die Existenzgründung und zur Betriebswirtschaft.

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